Impressionen aus Reutlingen

Reutlingen und der 20. April 1945


Im April 1945 rückten alliierte Truppen täglich näher an Reutlingen heran. Von Süden und Westen nahten französische Truppen, von Norden stießen amerikanische Soldaten vor. In Reutlingen war den meisten Menschen klar, dass der Einmarsch der Alliierten nur noch eine Frage von Tagen war. Die Stadt war durch drei schwere Bombenangriffe teilweise zerstört, täglich gab es Luftalarm, die Lebensmittelversorgung wurde immer schlechter, die Nachrichtenlage immer chaotischer und die NS-Propaganda immer schriller.

Eine Reutlingerin beschrieb die Situation am 30. März in ihrem Tagebuch so: „Karfreitag. Seit einigen Tagen haben wir Ruhe vor Fliegern, vielleicht, weil es trüb-regnerisch ist. Vor der nahen Zukunft haben wir die größte Sorge. Was hat unsere Verbrecherregierung noch vor! Und was wird nachher kommen, nach verlorenem Krieg?“ Die NS-Stadtverwaltung und -Parteileitung in Reutlingen, aber auch die Menschen selbst bereiteten sich auf den Angriff auf die Stadt vor. Anfang April waren Frauen, Kinder und Senioren aufgefordert worden, die Stadt zu verlassen. Viele versuchten auf ihren „Gütle“ am Stadtrand oder bei Verwandtschaft in der Umgebung unterzukommen und so der Gefahr auszuweichen, die eine Verteidigung der Stadt bedeutet hätte. Noch einmal die Reutlinger Tagebuchschreiberin: „19.4.1945: Der Tag verlief in größter Spannung, man wartete auf die Alliierten und man regt sich auf, ob die Stadt wohl verteidigt wird oder nicht. Man vergräbt noch Schätze und Vorräte, so gut man kann.“

Als letztes Aufgebot wurde im Herbst 1944 der Volkssturm einberufen. Jugendliche und Männer zwischen 16 und 60 Jahren sollten die Wehrmacht zum Beispiel durch den Bau von Panzersperren unterstützen. Nicht nur in Reutlingen fehlten Uniformen, Waffen und Munition, um den Volksturm auch nur ansatzweise auszurüsten. Angesichts der mangelhaften Ausrüstung, der vielfachen Überlegenheit der Alliierten und dem Bewusstsein, dass weitere Kämpfe die bevorstehende Niederlage nur hinauszögern können, kamen viele dienstverpflichtete Volkssturmmänner dieser Aufgabe nur widerwillig nach. Der Reutlinger Volkssturm war von Anfang an kaum funktionsfähig. Als Tübingen am Morgen des 19. April 1945 von französischen Truppen besetzt worden war, war klar, dass Reutlingen das nächste Ziel war. Sich widersprechende Befehle der Führung trugen das ihre bei - der Reutlinger Volkssturm löste sich am Abend des 19. April selbst auf.

Anfang April waren alle 17- und 18-Jährigen zu einem sogenannten „Werwolferfassungsappell“ nach Betzingen gerufen worden. HJ-Bannführer Paul Bischoff versuchte mehrere Werwolfgruppen zu bilden, die durch Sabotage und einzelne Angriffe den Vormarsch der feindlichen Truppen aufhalten sollten. In der Nacht zum 19. April malten die Mitglieder das Werwolfzeichen (eine stilisierte Wolfsangel mit Querstrebe) auf Gehwege und Gebäude in Reutlingen, um die Präsenz des Werwolfs zu demonstrieren.

Am Vormittag des 20. April 1945 kam die öffentliche Ordnung in Reutlingen zum Erliegen. Die Plünderung des Proviantamts ist Ausdruck dieser Situation. In Zeitzeugenberichten wird deutlich, dass viele Menschen die Plünderung nicht als Unrecht empfanden, da sich das Gerücht verbreitet hatte, dass das Proviantamt geräumt werden müsse. Später forderte die neue Stadtverwaltung die Bürger auf, die unrechtmäßig mitgenommenen Gegenstände und Lebensmittel zurückzugeben.

Bereits im März hatte NS-Oberbürgermeister Dr. Richard Dederer Maßnahmen beschlossen, die im Fall einer „feindlichen Annäherung“ auf Reutlingen umgesetzt werden sollten. Dazu zählte die Vernichtung von Akten, die Sprengung von Brücken und die Zerstörung wichtiger Infrastruktur wie des Elektrizitätswerks oder der Telefonanlagen. Die umfassenden Pläne konnten überwiegend verhindert werden. Nur die Eisenbahnbrücke über die Hohenzollernstraße und die Echaz wurde am 20. April gesprengt und im Fernmelde- und Telegrafenamt Feuer gelegt.

Die französische Armee nahm die deutschen Städte und Dörfer mit einer bestimmten Taktik ein, die eigene Opfer so weit wie möglich verhindern und Zerstörungen und Opfer unter der Zivilbevölkerung weitgehend vermeiden sollte: Zunächst Artilleriebeschuss mit einer daran anschließenden Kampfpause, um die Kapitulation der betroffenen Kommune zu ermöglichen. Vorbereitet durch Angriffe von Jagdbombern am 19. April rückten die Franzosen am Vormittag des 20. April vor und beschossen Betzingen. Die NS-Führung hatte das Klima in den letzten Tagen durch massive Drohungen weiter aufgeheizt: Auf das Beseitigen von Panzersperren oder das Hissen weißer Fahnen stand die Todesstrafe. Trotzdem wurden in Betzingen weiße Fahnen an den Gebäuden gehisst. Am Nachmittag durchbrachen die Franzosen den Widerstand der „Kampfgruppe Kimmich“, einer aus verschiedenen Truppenteilen zusammengewürfelten Gruppe unter dem Kommando von Hauptmann Jörg Kimmich und rollten mit ihren Panzern nach Betzingen hinein.

Der Vorstoß der Franzosen in die Reutlinger Innenstadt verlief nicht kampflos – einzelne Schüsse wurden auf die alliierten Soldaten abgegeben. Dass es zu keinen größeren Kampfhandlungen und weiteren Zerstörungen der Stadt gekommen ist, hat sich im kollektiven Gedächtnis der Reutlinger als das Ergebnis der mutigen Tat von Oskar Kalbfell eingebrannt, der laut der Mehrheit der Zeitzeugenberichte den Franzosen in Betzingen mit einer weißen Fahne entgegenging, die kampflose Übergabe der Stadt versprach und auf einem französischen Panzer bis auf den Marktplatz fuhr.

Noch am gleichen Abend übergab NS-Bürgermeister Dr. Georg Allmendinger offiziell die Stadt und Oskar Kalbfell wurde zum kommissarischen Oberbürgermeister Reutlingens ernannt. Beispielhaft für die Erinnerung an diese Tat ist ein Brief einer Reutlinger Mutter an ihre Tochter vom 21. Mai: „(…) 20. vormittags war Reutlingen schon übergeben ohne viel Lärm. Bei uns da oben merkte man überhaupt nichts, außer starkem Artillerieschießen (…) vom Feind, es gab um die Achalm herum einige Tote, weil viele Menschen dorthin flüchteten. (…) Reutlingen sollte verteidigt werden, aber als der Feind vor Betzingen war hat Herr Kalbfell seine weiße Fahne gebracht und gesagt Reutlingen übergebe sich, er wurde dann auf einen Panzer gebracht und mußte mit seinem Kopf haften, daß nicht geschossen werde. So fuhren sie auf den Marktplatz und hatten Reutlingen eingenommen. Kalbfell ist jetzt Oberbürgermeister und ein allgemein beliebter Mann.“

Oskar Kalbfell gehörte zur sogenannten „Reutlinger Widerstandsgruppe“. Diese seit 1940 konspirativ arbeitende Gruppe setzte sich zum Ziel, Terror-Maßnahmen der NSDAP so weit wie möglich unwirksam zu machen, politisch Verfolgten Schutz zu gewähren und sinnlose Verteidigungs- und Zerstörungspläne der NSDAP am Kriegsende zu verhindern sowie Vorkehrungen zum weiteren Funktionieren der Stadt nach der Niederlage zu treffen. Neben Oskar Kalbfell und Georg Allmendinger spielten der Leiter des Hochbauamts Baurat Carl Haid, der Industrielle Hans Kern und der Direktor der Firma Stoll Otto Künzel die entscheidenden Rollen in der Gruppe. Durch ihre Tätigkeit konnte Oskar Kalbfell dem französischen Kommandanten bereits am 21. April seine zukünftigen Mitarbeiter und damit einen funktionierenden Verwaltungsapparat präsentieren.

In der Nacht vom 20. auf den 21. April und am 22. April versuchten NS-Kreisleiter Otto Sponer und Hauptmann Kimmich die Stadt zurück zu erobern. Schießereien an der Marienkirche, am Burg-, Albtor- und Karlsplatz sowie an anderen Stellen forderten Tote auf beiden Seiten. Die französischen Truppen setzten mehrere Häuser (u.a. am Karlsplatz, in der Lederstraße und der Karlstraße) in Brand. Auch die Nikolaikirche brannte deshalb komplett aus. Insgesamt kamen über 50 Menschen aus Reutlingen beim Einmarsch der Franzosen ums Leben.

Nach der Besetzung der Stadt kam es zu Übergriffen durch französische Soldaten und ehemalige Zwangsarbeiter – Vergewaltigungen, Plünderungen, Ausschreitungen. Eine Reutlingerin, die die Tage rund um den 20. April bei Bekannten in Pfullingen verbrachte, schrieb am 26. April in ihr Tagebuch: „Wir wandern morgens unbehelligt nach Reutlingen u. treffen alles „relativ“ ordentlich an. Es ist einiges kaputt gemacht worden, etliches geplündert u. gestohlen, aber es ist eben Krieg u. es hätte noch schlimm sein können.“

Noch war offiziell Krieg – die Kapitulation der deutschen Wehrmacht fand erst drei Wochen später am 8. Mai 1945 statt. Aber in der Wahrnehmung der Reutlinger war der Krieg zu Ende. Die Bilanz war schrecklich: Bei den Bombenangriffen hatten über 400 Menschen ihr Leben verloren. Rund 3300 Männer waren gefallen oder vermisst. In Konzentrationslagern oder Euthanasieanstalten waren mehr als 100 Reutlinger ermordet worden. Im Sommer 1945 befanden sich ungefähr 4400 Evakuierte in der Stadt und über 1800 ehemalige Zwangsarbeiter, die auf Rückkehr in ihre Heimat warteten. Die folgenden Wochen und Monate waren ein Leben im Ausnahmezustand, das viele Emotionen gleichzeitig kannte: Hoffnung, Trauer, Freude, Verzweiflung, Zuversicht und Resignation. Die Nachkriegszeit hatte in Reutlingen begonnen.  

Zum 75. Jahrestag des Kriegsendes war für den 19. April ein Festakt mit Gästen aus der französischen Partnerstadt Roanne im Reutlinger Rathaus geplant gewesen. Dabei wäre auch die Ausstellung „Kriegsende! Kriegsende? Reutlingen nach 1945“ von Heimatmuseum und Stadtarchiv eröffnet worden. Die Ausstellung ist aufgrund der aktuellen Museumsschließung auf das Frühjahr 2021 verschoben.
Der Katalog „Reutlingen 1930-1950. Nationalsozialismus und Nachkriegszeit“ von Stadtarchiv und Heimatmuseum, der zum 50. Jahrestag des Kriegsendes 1995 erschien, kann auf der Homepage des Stadtarchivs heruntergeladen werden.

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