Impressionen aus Reutlingen

Die Reutlinger Geiselerschießung am 24. April 1945


In einer ausführlichen Familienchronik schilderte ein Reutlinger Arzt 1947 die NS- und Nachkriegszeit aus seiner persönlichen Sicht. Die Reutlinger Geiselerschießung vom 24. April 1945 hielt er - inhaltlich nicht ganz korrekt - folgendermaßen fest: „Da angeblich nach der Übergabe der Stadt einige Franzosen erschossen worden sein sollen, wurden 4 Männer, drei von der SS und ein hiesiger Redakteur, als Geiseln verhaftet und droben am Schönen Weg erschossen.“

In der Nacht vom 22. auf den 23. April 1945 stürzte ein französischer Unteroffizier an der Lindachgarage von seinem Motorrad und starb. Wahrscheinlich war es ein Unfall. Die französische Militärführung war aufgrund der Werwolfgerüchte und der Kämpfe in der Nacht zuvor angespannt – sie unterstellte einen Mordanschlag auf den Soldaten und forderte von Oberbürgermeister Oskar Kalbfell am 23. April eine Sühneleistung von 200 000 Reichsmark und diversen Gegenständen. Gleichzeitig wurden einige Männer verhaftet, darunter der Chefarzt des Reutlinger Lazaretts und Untersturmführer der SS Dr. Wilhelm Egloff. Am 24. April wurden auch der Schreinermeister Jakob Schmid (SA-Mitglied), der Bautechniker Wilhelm Schmid (Scharführer der Waffen-SS) und der Redakteur Ludwig Ostertag festgenommen. Noch am gleichen Tag wurden sie auf Befehl des französischen Kommandanten Max Rouché auf ein Grundstück unterhalb des Schönen Wegs geführt und erschossen. Auf Plakaten, die die französische Kommandantur in Reutlingen aufhängen ließ, bezeichneten die Franzosen die vier Männer als diejenigen, die für den Tod des Soldaten verantwortlich seien.

Schon bald darauf entstanden in der Stadt Gerüchte, dass Oskar Kalbfell an der Auswahl der Geiseln beteiligt gewesen sei oder die Männer sogar selbst benannt habe. Jakob Schmid und Wilhelm Schmid deuteten dies in ihren Abschiedsbriefen an bzw. benannten ihn konkret als denjenigen, der sie ausgewählt habe. Kalbfell stritt dies stets ab. Er beantragte 1950 beim Innenministerium des Landes Württemberg-Hohenzollern ein Dienststrafverfahren gegen sich, um den Verdacht endgültig zu entkräften. Nach langen Voruntersuchungen und der Vernehmung von über 80 Zeugen kam die Dienststrafkammer in Tübingen im September 1951 zum Schluss, dass Kalbfell „die am 24. April 1945 von französischen Truppen als Geiseln erschossenen vier Reutlinger Bürger weder benannt noch in sonstiger Weise an der Auswahl dieser Geiseln mitgewirkt hat.“ Kommandant Max Rouché bekannte während des Prozesses, dass ihm 1945 klar war, dass keiner der vier Männer am Tod des Soldaten Schuld trug und er persönlich Dr. Egloff ausgewählt habe.

Trotz des Urteils beschäftigte die Frage, welche Rolle Oskar Kalbfell bei der Geiselerschießung gespielt hatte, die Stadtgesellschaft noch Jahrzehnte. 1952 erhielten die Hinterbliebenen eine finanzielle Entschädigung von der Stadt. In den 1950er Jahren wurden erst Holzkreuze, dann das heute noch bestehende Steinkreuz am Schönen Weg zur Erinnerung an die Toten errichtet. 1981 beschloss die Stadt Reutlingen auf Anregung eines Hinterbliebenen, ein zusätzliches Steinkreuz an der „Gedenkstätte für die Opfer der beiden Weltkriege“ auf dem Friedhof „Unter den Linden“ aufzustellen, das die Namen der Toten nennt.
 
 
Hinweis: Die Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Timm veröffentlichte 1997 eine ausführliche Studie über die Rezeptionsgeschichte der Reutlinger Geiselerschießung: Elisabeth Timm: Reaktionen auf die Reutlinger Geiselerschießung 1945. Eine Studie zum kollektiven Gedächtnis. Tübingen 1997.



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