Impressionen aus Reutlingen

Meinem befohlenem Ambt mit Treue und Fleiß vor zustehen!


Der Reutlinger Schwörtag – immer am zweiten Sonntag nach dem 4.Juli (dem Ulrichstag) –  war ab dem 14. Jahrhundert bis zum Jahr 1802 das zentrale politische Ereignis und zugleich ein großes Bürgerfest in der ehemaligen Freien Reichsstadt Reutlingen. Doch wie so viele Veranstaltungen ist auch die neuzeitliche Version dieses „Tags des demokratischen Frohsinns“ der Pandemie zum Opfer gefallen. Den traditionellen Bürgermeister-Eid hat OB Thomas Keck heute dennoch geleistet (ein Film von Jochen Heid):



Die Schwörtagsrede von Oberbürgermeister Thomas Keck zum Nachlesen


Liebe Bürgerinnen und Bürger!
 
„Die Reutlinger sind ein raues Geschlecht; dreimal ist ihre Stadt niedergebrannt, und sie haben sie wieder aufgebaut; auf dem gleichen Fleck; denn sie geben nicht nach.“
 
Diese Worte des Reutlinger Schriftstellers und Arztes Ludwig Finckh (1876 bis 1964) erscheinen mir angemessen für den heutigen Tag – an dem wir eigentlich miteinander den 16. Schwörtag der Neuzeit gefeiert hätten. Der Reutlinger Schwörtag – immer am zweiten Sonntag nach dem vierten Juli (dem Ulrichstag) –  war ab dem 14. Jahrhundert bis zum Jahr 1802 das zentrale politische Ereignis und zugleich ein großes Bürgerfest in der ehemaligen Freien Reichsstadt Reutlingen. Doch wie so viele Veranstaltungen ist auch unsere neuzeitliche Version dieses „Tags des demokratischen Frohsinns“ der Pandemie zum Opfer gefallen.
 
Ludwig Finckh, der 1876 geboren wurde, hat den Schwörtag zwar nicht aus eigener Anschauung gekannt, wohl aber jene Reutlingerinnen und Reutlinger, die aus 600 Jahren reichsstädtischer Freiheit den Stolz, das Selbstbewusstsein, die Hartnäckigkeit, die Standhaftigkeit, die Unverdrossenheit und den Zusammenhalt abgeleitet haben, die ihn zur eingangs zitierten Schlussfolgerung gebracht haben.
 
Tugenden, die auch im Jahr 2020 hilfreich sind, um eine weitere der vielen Krisen zu meistern, die unsere Stadt im Laufe der Jahrhunderte heimgesucht haben. Diesmal war es kein Brand, und die Stadt liegt auch nicht in Schutt und Asche. Die Schäden, die das Corona-Virus seit dem Frühling verursacht hat, lassen sich nicht auf den ersten Blick im Stadtbild ausmachen. Dennoch sind sie immens: 474 Infizierte hat es alleine in unserer Stadt geben, und wenn auch 454 davon inzwischen wieder genesen sind, will ich diesen besonderen Sonntag auch nutzen, der 18 Frauen und Männer zu gedenken, die hier in Reutlingen der heimtückischen Erkrankung erlegen sind.
 
Inzwischen ist fast wieder so etwas wie Normalität eingekehrt. Straßen, Cafés, Restaurants sind wieder so bevölkert wie an jedem anderen x-beliebigen Sommertag vor der Krise, Läden und Fitnessstudios haben geöffnet, und sogar der Sprung ins kühle Nass des Freibads ist inzwischen wieder möglich, um nur einige Beispiele zu nennen.
 
Und doch sind wir noch lange nicht über den Berg: Wer über den Tellerrand hinausschaut, sieht beispielsweise in den USA oder in Brasilien noch immer drastisch ansteigende Infizierten- und Verstorbenenzahlen. Von dramatischen Entwicklungen wie in vielen anderen Ländern sind wir in Deutschland gottlob verschont geblieben – nicht zuletzt auch deshalb, weil die meisten von uns sich an Einschränkungen und Hygieneregeln gehalten und weil die meisten von uns Rücksicht genommen haben auf Ältere und Schwächere. Lassen Sie uns das auch weiterhin tun! Lassen Sie uns zusammenhalten, um eine „zweite Welle“ zu vermeiden!
 
Ich denke, ich kann für uns alle sprechen, wenn ich sage, dass die Herausforderungen der „ersten Welle“ schon groß genug waren. Viele von Ihnen waren oder sind noch immer in Kurzarbeit, viele wissen vielleicht nicht, ob sie ihren Arbeitsplatz behalten können, manche haben ihn schon verloren. Eltern von Schul- und Kindergartenkindern sahen sich in den vergangenen Wochen und Monaten unvermittelt vor die Herausforderung gestellt, Kinderbetreuung und Job unter einen Hut zu bringen. Nicht nur in Reutlingen steht manch ein Laden kurz vor der Schließung oder ist schon geschlossen, wie in vielen anderen Städten auch sind auch hier Unternehmen in der Corona-Krise ins Trudeln geraten.
 
Bei vielen Reutlingerinnen und Reutlingern wird das Geld langsam knapp. Und das gilt leider auch für den städtischen Haushalt. Die finanzielle Situation der Stadt Reutlingen ist sehr ernst. Schon vor Corona mussten wir die Prognosen für die Gewerbesteuer im Januar deutlich um 17 Millionen Euro reduzieren. Im Mai hatten wir einen Einbruch um weitere 20 Millionen Euro. Dazu brach wegen der Krise der Automobilindustrie schon vor Corona die Einkommenssteuer ein. Nun taucht ein weiteres Minus auf. Fazit: Vor der Pandemie hatten wir schon ein Defizit von 22,7 Millionen Euro, nun kommen die Folgekosten der Pandemie von 58,9 Millionen Euro dazu. Damit haben wir eine Abweichung vom Haushaltsplan von minus 81,6 Millionen Euro.
 
Das ist eine Katastrophe, die wir als Kommune nie und nimmer alleine bewältigen können. Ich zähle hier auf Bund und Land, die uns ihre Unterstützung bereits mehrfach zugesichert haben!  Zugleich tragen wir aber auch selbst alles dazu bei, was in unserer Macht steht: In seiner Sitzung am 30 Juni hat der Gemeinderat einmütig die Weichen gestellt für einen scharfen Haushaltskonsolidierungsprozess, bei dem alle städtischen Aufgaben auf den Prüfstand gestellt und so Einsparungspotenziale ausgelotet werden.
Wir werden Dinge priorisieren müssen. Projekte wie die Sanierungen von Marktplatz, Rathaus und Oberamteistraße, die in der Städtebauförderung sind, gelten für mich aber als gesetzt. Klar ist auch, dass wir gerade bei der historischen Häuserzeile Oberamteistraße, eine der ältesten Fachwerkhäuserzeilen Deutschlands, nicht mehr lange zuwarten können.
 
Der Reutlinger Dichter Hermann Kurz, der die letzten Ausläufer der Reichsstadtzeit noch aus eigener Anschauung kannte, schreibt über den Wiederaufbau nach dem Stadtbrand des Jahres 1726:
 
„So baut der Mensch, was die Natur mit einem Schlage in den Staub warf, langsam wieder auf, ihre Gewaltstreiche überbietend durch zähe Geduld und Ameisenfleiß.“
 
So düster die Aussichten also auch sein mögen: Die Reutlinger Geschichte lehrt uns, dass wir es schaffen können. Unsere Stadt hat – nicht zuletzt auch dank ihrer engagierten Bürgerschaft - immer wieder Krisen erfolgreich gemeistert: Deshalb zähle ich auch auf Sie. Lassen Sie uns nicht vergessen, dass beim Schwörtagsritual in der Freien Reichsstadt Reutlingen nicht nur der neu gewählte Bürgermeister und die neu gewählten Mitglieder des Gemeinderates ihren Schwur auf die Stadt geleistet haben, sondern im Gegenzug auch die Bürgerschaft Reutlingens einen Gehorsamseid leistete. Beide Seiten waren damals und sind heute aufgefordert, zum Wohle der Stadt an einem Strang zu ziehen.
 
Ich bin jedenfalls dazu bereit, alle erforderlichen Anstrengungen auf mich zu nehmen, um diese Krise zu meistern. Deshalb will ich es nicht versäumen, am heutigen „Schwörtag der etwas anderen Art“ den traditionellen Bürgermeistereid der Freien Reichsstadt zu leisten (evtl. Schwörstab zur Hand nehmen):

Eid:     

„Meinem befohlenem Ambt mit Treue
und Fleiß, in aller Sorgfältigkeit vor zustehen,
der Statt, dem Land und ganzem Vatterland, jeder Zeith alle
treu und wahrheit zu leisten,
deren Nuzen und Frommen zu schaffen und zu fördern,
Nachtheil und Schaden zu warnen und zu wenden,
auch gegen Reich und Arme ohne unterschied der Persohnen
ein gleicher und unpartheyischer Ambtmann
zu seyn,
und innsgemein das Beste zu thun,
nach meinem besten Verständtnuß, ...“

 
Passen Sie auch weiterhin gut auf sich und Ihre Liebsten auf!
 
Ihr Thomas Keck
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