Feuerwehrmuseum

Der Große Stadtbrand von Reutlingen 1726

(Der vorliegende Text ist die gekürzte Fassung des Vortrag von Anke Bächtiger vom 25.9.2006 zum Gedenken an den Großen Stadtbrand von Reutlingen 1726 und an die Gedenkpredigt)

Der Große Stadtbrand von 1726 hat sich in das kollektive Gedächtnis der Reutlinger eingebrannt. Was passierte damals? Hat der Brand heute noch Spuren hinterlassen?


stadtbrand



Das Feuer

Am Montag, den 23. September 1726, brach abends zwischen 20 und 21 Uhr im Hause des Schusters Friedrich Dürr, der in unmittelbarer Nähe der Nikolaikirche wohnte, ein Feuer aus. Vermutlich wurde der Brand durch eine brennende Kerze verursacht, die durch eine Spalte in der Bodendielung in einen darunter liegenden Vorratsraum gefallen war. Da dort Stroh gelagert wurde, breitete sich das Feuer schnell aus.

Man geht davon aus, dass die Hausbewohner zu lange versucht haben, das Feuer selbst zu löschen und daher zu spät Hilfe geholt haben. Das Haus stand schnell in Flammen und als die Brandglocken vom Gartentor und Tübingertor geläutet wurden, soll das Feuer schon so heftig gewesen sein, dass kurze Zeit später der ganze Stra­ßenzug in Flammen stand. Menschenketten wurden von den Zunftmitgliedern der zwölf Zünfte gebildet, um schnell mit Löscheimern die drei Feuerspritzen mit Wasser zu füllen.

Da das Löschen erfolglos blieb, versuchten die Reutlinger auch Häuser einzureißen, die um die Brandherde herum standen, um somit das Übergreifen des Feuers zu verhindern. Aber auch das half nichts. Es bildete sich bald eine so große Hitze, so dass sich die Rettungsleute kaum noch in die Nähe der Brandstätten wagen konnten. Am Anfang hoffte man noch auf günstigen Wind, allerdings änderte sich dieser in der Nacht und trieb nun die Funken in die Stadtmitte hinein. Das Feuer griff dann sehr schnell in mehrere Richtungen von der Metzgergasse, Gerbergasse, untere Kramer­gasse (heute mittlere Wilhelmstraße) und zum Spital über. Die große Scheuer samt Getreide brannte lichterloh aus.

Gegen Morgen des 24. Septembers hatte das Feuer auch das Spital ergriffen, dass dem Rathaus gegenüberlag. Dort lagerten viele Altertümer, auch der bei der Belage­rung 1247 vor dem Stadttor liegengelassene Sturmbock. Als der Tag anbrach, schlu­gen die Flammen in hohem Bogen über und vernichteten auch diesen Stolz der Reutlinger Bürger. Bald darauf standen die Häuser am Marktplatz in Flammen. Der letzte Versuch, durch Einreißen benachbarter Häuser ein Übergreifen auf weitere Bauten zu verhindern, scheiterte ebenfalls. Vom Marktplatz aus breitete sich das Feuer in Richtung obere Kramergasse, Judengasse und obere Metzgergasse aus. Inzwischen waren aus der ganzen Umgebung Hilfsmannschaften angerückt. So konnte man immerhin verhindern, das der Königsbronner Pfleghof (heutiges Hei­matmuseum) vom Feuer erfasst wurde. Auch um die Marienkirche breiteten sich die Flammen aus. Man riss hier ebenfalls die umliegenden Häuser ein, aber das Feuer konnte auch dadurch nicht zum Stillstand gebracht werden.

Am Abend des 24.Septembers setzte ein Wirbelwind ein, der die Feuerfunken über die obere Stadt trieb. Von der Metzgergasse aus hatte das Feuer die Chortürme der Marienkirche erreicht. Auch über dem Glockenstuhl wurden bald die ersten Flammen sichtbar. Das Grauen machte auch vor dem Wahrzeichen der Stadt nicht halt. Hermann Kurz beschreibt in seinen „Erzählungen aus der alten Reichstadt“ die Szene so: „Zum letzten Mal bewegten sich die Glocken, aber nicht von Menschen­hand; sie läuteten sich selbst zu Grabe, bis sie mit furchtbarem Krachen herabstürz­ten und in dem Feuerofen zerschmolzen. Nächtelang stand der Turm schneeweiß glühend, dann schwarz und ausgebrannt über der weiten Schuttstätte.“ Chronisten schrieben: „Die Steine des Hauptgebäudes waren so durchglüht, dass sie mehrere Tage lang bei Lichte wie gebrannte Kalksteine, im Dunkeln aber wie bren­nende Kohlen aussahen.“.

Dabei war erst Anfang August (31.7.-3.8.1726) der Goldene Engel auf dem Turm der Marienkirche unter allgemeiner Anteilnahme der Bevölkerung ausgebessert worden war.

Der Brand tobte nun den dritten Tag. Entlang der Stadtmauer wurden alle Gebäude vom Gartentor (Neues Tor) bis zum Albtor (Oberes Tor) in Schutt und Asche gelegt. Sogar die obere Vorstadt war vom Feuer bedroht, da auch die Abdeckung der Stadtmauer in Brand geraten war und nun die Gefahr bestand, dass die Flammen über die Stadtmauer hinübergreifen konnten.

Erst am Mittwoch, den 25. September machte das Feuer gegen Mittag vor dem Bar­fußkloster (heutiges Friedrich-List-Gymnasium) halt. Das Feuer hatte 38 Stunden gewütet.

Wie enorm das Feuer gewesen sein muss, geht aus Berichten von Chronisten her­vor, die schrieben: „Man habe in den beiden Brandnächten in weitem Umkreis der Stadt einen am Boden liegenden Kreuzer sehen können und selbst in Straßburg und Basel sei der Himmel rot erschienen.“

Das Entsetzen und das Chaos war nach den drei Brandtagen groß. Die traurige Bi­lanz: 882 Häuser zerstört und über 1200 Familien obdachlos, vier Fünftel der Stadt vernichtet.

(Zur Zeit des Brandes wurde die Bevölkerung auf weniger als 6000 Menschen ge­schätzt. da es keine genauen Erhebungen gab. Die genaue Anzahl der Häuser ist ebenfalls nicht bekannt, es können um die 1000 gewesen sein.)

Nach dem Brand waren folgende bedeutende Gebäude zerstört:
Marienkirche, drei Schulhäuser, Buchdruckerei, vier Pfarrhäuser und Messnerhäuser sowie Haus des Turmbläsers, drei Apotheken, Zwiefalter Pfleghof, Rathaus mit Uhr und Glocken, Waag-, Korn- und Salzhaus, Bürgerhaus mit 2 Glocken und Uhr, Spital und Kirche mit allen gefüllten Scheuern, Städtische Zehnthof mit viel Wein und Fruchtvorräten, Syndikathaus mit Scheuer, Kanzlei mit Scheuer, Kelter, Armenpfleg­haus, Türme und Klosterhöfe wie Bebenhäuser Pfleghof, Salemer Pfleghof. Von zwölf Zunftstuben waren zehn abgebrannt. Nur die Tucher- und Kürschnerzunft­häuser standen noch. (Die originale Zunftstube der Weingärtner, die im Heimatmu­seum zu sehen ist, wurde nach dem Stadtbrand neu errichtet).

Auch die Stadtmauer hatte sehr gelitten. Drei Haupttore: das Neue Tor, das Obere Tor und das Mühltor waren abgebrannt, ebenso drei Fünftel der Stadtmauerab­deckung mit Umlauf.

Auch nach dem Erlöschen des Brandes war das Wasser noch in einigen Brunnen so warm, dass man es nicht trinken konnte. Viele Sachen wie Werkzeuge oder Tuch wurden während des Feuers von einem Ort zum anderen geschleppt, immer in der Hoffnung, das es dort nicht brennen würde, was hinterher zu einem heillosen Durch­einander führte. Viele Sachen konnten dem Besitzer am Ende nicht mehr zuge­schrieben werden. Es kam auch zu Plünderungen. Um diese einzuschränken, schickte Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg, unter dessen Schirmherrschaft Reutlingen lag, eine Garnison nach Reutlingen.

Die Versuche der Einwohner, noch etwas aus den Trümmern zu retten, endeten im Chaos, weil die Straßen schlecht und voller Schutt waren und es kaum geeignete Transportmittel gab. An den unteren Toren stauten sich die Menschenschlangen, so dass man zeitweise bis zu zwei Stunden in jede Richtung warten musste.

Erstaunlich ist, dass es fast keine Toten beim Brand zu beklagen gab. Im kirchlichen Totenbuch wird von einem 85 Jahre alten Schreiner berichtet, der wohl ins Feuer gefallen war und an den Folgen starb. Weiterhin werden zwei während der Geburt verstorbene Kinder erwähnt, die vermutlich durch den Schock ausgelöste Frühge­burten waren.

Warum konnte sich das Feuer überhaupt so schnell und so umfassend aus­breiten?

Sicher spielte auch die Jahreszeit eine entscheidende Rolle. Es war Anfang Herbst. Nach einem guten Sommer, der endlich nach Jahren wieder eine gute Ernte ermög­licht hatte, waren die Vorratsräume in der Stadt gut gefüllt. Allgemeine Gründe für Stadtbrände sind vor allem in der Beschaffenheit der Häuser dieser Zeit begründet. Die Privathäuser waren zum allergrößten Teil Fachwerkbauten aus einer Holz-Lehm-Konstruktionen, die meist nicht verputzt und dicht aneinander gebaut waren. Die Wohnräume hatten üblicherweise Holzböden und Holzdecken. Die Dächer waren mit Holzschindeln oder Stroh gedeckt. Kaum jemand konnte sich Dachziegel aus gebranntem Ton leisten.

Jedes Haus war letztlich damit ein potentieller Brandherd, denn offene Feuerstellen zum Heizen und Zubereiten der Mahlzeiten oder Kerzen und Öllampen zur Beleuch­tung waren im Alltag unverzichtbar. Als Gefahrenquelle kamen verschiedene Hand­werksbetriebe hinzu, die das Feuer ständig nutzten, wie etwa Schmieden oder Töpfe­reien. In den meisten Häusern waren mehr oder weniger große Vorratsräume für Getreide, Feldfrüchte und Holz vorhanden, da es in Reutlingen recht viele soge­nannte Acker-Bürger mit einer kleinen Landwirtschaft gab.

Die Straßen der Stadt waren sehr eng. Die breiteste soll knapp 10 m breit gewesen sein. Kleine Gässchen hatten nur 4 m Breite. Die Giebel, die oft mit jeder Etage et­was weiter zur Straße herüberkragten, kamen sich bis auf 2 m nah, so dass man sich vom Fenster aus die Hand zum gegenüberliegendem Haus geben konnte. Die Stra­ßen selbst befanden sich in einem schlechten Zustand, waren kaum gepflastert. Zuviel Unrat sammelte sich in den Bächen und Brunnen, was dann beim Befüllen der Feuerspritzen häufig zu verstopften Schläuchen führte. Drei Feuerspritzen waren auch viel zu wenig, um so einen großen Brand effektiv zu bekämpfen.

Die Brandursachen der damaligen Zeit reichten von grober Fahrlässigkeit im Um­gang mit offenem Licht und Feuer über kriminelle Brandstiftung und die Einwirkung von Naturgewalten wie Blitzschlag und Erdbeben bis hin zu Kriegsgeschehen. Fahrlässigkeit wurde je nach Rang der Person unterschiedlich geahndet. Brandstif­tung war dagegen das schlimmste Vergehen, was man sich leisten konnte und wurde meist mit dem Tode bestraft, wie man an einem Beispiel sehen kann: Der Reutlinger Scharfrichter notierte in sein Tagebuch (um 1565) die Anlässe seiner Arbeit: „13. August Peter Manz gericht, der hat ein Mord gethan und 22mal gestohlen, auch Feuer eingelegt. Ist langsam rädert worden und lebendig ins Feuer worfen, hat noch hart schreyen und rufen,“

Wie erging es nun dem Schuster Friedrich Dürr, der fahrlässig für den großen Brand verantwortlich war?

Ganz bewiesen wurde seine Schuld wohl nicht, da der Schuster später leugnete, für den Brand verantwortlich zu sein. Die Nachbarn wurden zum Hergang befragt (Gayler berichtet dieses 1845 in seinen Historischen Denkwürdigkeiten) und dabei wurde dem Schuster zur Last gelegt, „das er ein Leben in Saus und Braus geführt habe, verbotenerweise an Sonn- und Feiertagen gearbeitet haben soll, schrecklich geflucht, mit dem offenen Feuer immer leichtsinnig umgegangen ist. Der Mann leug­nete diese Anschuldigungen, wohl auch, um seine Haut zu retten.“ Unter den Reutlingern wurde die allerdings auch die Geschichte erzählt, dass ein Mädchen im Hause des Schusters, um ihrem Geliebten zu leuchten, ein Kerzen­stummel angezündet hat, der dann durch die Spalten der Bodendielung gefallen ist. Als Strafe wurde die Familie des Schuster Dürr für 6 Jahre aus der Stadt verbannt. Ob sie danach wieder gekommen ist, wird nicht berichtet.

Die Brandpredigt

Am 27. Oktober 1726 hat der Spitalpfarrer Michael Fischer die sogenannte Brand- und Bußpredigt gehalten. Allgemein sah man in dem Stadtbrand die Strafe Gottes, weil die Einwohner ein sündiges Leben geführt hatte. So beruhte auch die Argu­mentation der Predigt darauf, das die gesamte Stadt Gottes Gebote nicht eingehal­ten hatte, wobei die Nichteinhaltung des sonntäglichen Ruhetages als schlimmsten Vergehen genannt wurde:

„Sihe, o du verwüstetes Reutlingen, du hast deines Schöpfers vergessen und seinen Sabbat auf vielfältige Weise, entweder durch unterlassene Übungen der Gottseelig­keit, oder durch wercktägliche Arbeit, oder gar durch sündliche Wollüste entheiligt. Ach gewiß, wann ein Ort in der Welt ist, da der Sabbat gering gehalten wird, so ist es gewiß Reutlingen. Man hat an Sonntagen wollüstige Tänze gehalten, hat das Spielen und Saufen nicht abgestellt, hat auf prächtigen Spaziergängen gottlose Gespräche geführt. Man hat mit Spazierfahrten und Reiterei, auch mit aufs Feld-Gehen, um der Nahrung willen, den Sabbat öfters geschändet.“

Der Predigttext sagt damit auch einiges über das Reutlinger Leben aus. Spazier­fahrten und Reiten gehörte zum Freizeitvertreib der gehobene Bürgerschaft. Das Sonntagarbeiten hatte unter Umständen soziale Aspekte: Bei den Zünften war es nämlich üblich, im Krankheitsfall eines Mitglieds, dessen Arbeit am Sonntag zu über­nehme, beispielsweise den Weinberg zu bestellen.

Hinter all den Anklagenpunkten steht, das ein zürnender und rächender Gott über allem herrscht, was dem damaligen theologischen Verständnis entsprach.

In verschiedenen Brandpredigten anderer Städte kann man genau die gleiche Argu­mentation finden, wie beispielsweise in Nürtingen, wo am 12. Dezember 1750 ein Großfeuer ausgebrochen war. Noch sechs Jahre später 1756 hält der Theologe Im­manuel Gottlob Brastberger eine Gedenkpredigt:

„Wenn in einem Ort und einer Stadt das Sündenfeuer brennt, dass der Rauch davon gen Himmel steiget, so zündet der HERR sein Zorn- und Rachefeuer an, welches kein Mensch zu löschen im Stande ist. O Nürtingen, Nürtingen! Wie hast Du dieses so empfindlich erfahren müssen, da der Herr eben vor sechs Jahren ein Feuer in Deinen Thron angesteckt, welches die Häuser verzehrte hat, und nimmer hätte ge­löscht werden können, wann es durch die schonende Hand des Herrn nicht selbst gelöscht worden wäre.“

Feuer und dessen verzehrende Flammen waren im christlichen Glauben auch Sym­bole für das Jüngste Gericht, den Teufel, die Hölle oder die Verdammnis. Feuer war auch etwas Göttlichen. Im Neuen Testament spricht Christus durch einen brennen­den Dornbusch. Dem Feuer wird aber auch eine reinigen Wirkung zugesprochen, daher wird im Falle eines Stadtbrandes, die Stadt durch das Feuer von ihren Sünden befreit. Viele Sprichwörter stammen auch aus dieser Zeit: „Feuer und Flamme sein“, „Für jemanden durchs Feuer gehen“, „Mit dem Feuer spielen“ oder „Öl ins Feuer gie­ßen“. Dabei hat das Feuer oft auch eine positive Bedeutung.

In der Bibel findet man Beispiele über Zerstörung und Vernichtung durch das Feuer (Sodom und Gomorra, Hiobs Brandprüfungen), s.d. auch Pfarrer Fischer in seiner Predigt mehrere Beispiele und Zitate aus der Bibel zur Bekräftigung anführte.

Allerdings ist in seiner Predigt, im Gegensatz zu Nürtingen, nicht von einer scho­nende Hand in die Rede, eher von Barmherzigkeit, dass überhaupt noch etwas ste­hen gelassen wurde. Am Ende spricht er noch warnende Wort für die Zukunft von Reutlingen aus, nachdem er über die Gottlosigkeit und die Gier nach Macht und Reichtum geklagt hatte.

Zitat aus der Predigt:
„Pflanze in unser Herz eine heilige Furcht vor Zorn, dass wir mit der Sünde nicht mehr spielen und scherzen und dich nicht mehr verlassen. Kehre dich wieder zu uns und fülle uns mit deiner Gnade! Erbarme dich über die, so in diesem Brande verun­glückt! Behüte uns fürderhin vor Feuersnot!“

Das was Pfarrer Fischer anklagt, hat also jeden Bürger betroffen und die Reutlinger müssen wohl auch von dieser Predigt ergriffen gewesen sein. Die Schuld wurde als Kollektivschuld an alle übertragen und alle hatten für die Sühne zu sorgen.

Der 27. Oktober wurde als Buß- Bet- und Fasttag in den nächsten Jahren, mindes­tens noch so lange wie ältere Menschen lebten, die den Brand noch miterlebt hatten. Bis heute wird aller paar Jahre an dieses Ereignis öffentlich erinnert.

Die Spendensammlungen

Die Rede des Pfarrers wurde in Tübingen gedruckt und fand vielerorts auch in Reut­lingen Absatz. Allerdings hatten die Stadtväter Reutlingens deshalb auch gewisse Bedenken. Man befürchtete, dass es Anstoß zu Missdeutungen geben und das die Stadt nach außen hin einen Imageschaden als gottlose Stadt erleiden könnte. Das mussten zum Teil die späteren Spendensammler auch erfahren.

In Straßburg wurden sie mit den Worten abgefertigt, „dass in Reutlingen wohl gott­lose Leute seien, um deretwillen Gott die Stadt mit einem Feuer verdorben hat“. In Augsburg wurde die Predigt des Spitalpfarrers gleich von sechs Kanzeln gelesen und mit „großen applausum“ gehört und die Spenden fielen danach reichlich aus. Man erkannte es an, dass die Bürger offenherzig und bußfertig mit ihrer Schuld umgingen.

Einhundert Jahre danach, 1826, wendet sich der ehemalige Bürgermeister Dr. Fetzer in seinem „Rückblick auf das große Brand-Unglück“ entschieden gegen diese Vor­stellung eines zürnenden und rächenden Gottes und lässt deutlich erkennen, dass man sich jetzt im Zeitalter der Aufklärung befindet. Er geht davon aus, das der Mensch für sein Tun verantwortlich ist und die Aufgabe hat, die Kräfte der Natur zu erforschen, um diese zu beherrschen. Die Ursachen des Feuers sind daher nicht die Strafe Gottes, der damit ja gleichsam die Guten und die Bösen getroffen hätte, son­dern in der Nichtbeachtung der Maßnahmen, die ein Feuer in diesem Ausmaß hätten verhindern können.

Zitat von Fetzer am Schluss: „Lassen wir demnach ja den lieben Gott ganz aus dem Spiel, wenn von einer natürlichen und notwendigen Folge unseres eigenen Unvers­tandes und unseres Mangels an Überlegungen und Vorsicht die Rede ist!“

Der Wiederaufbau

Die Reutlinger mussten nun ihre Wohnungen, ihre Häuser, ihre Stadt so schnell wie möglich aufbauen, da der Winter vor der Tür stand. Nahrungsmittel mussten besorgt werden, schnell Unterkünfte für die Obdachlosen geschaffen werden.

Doch dazu brauchten sie Geld, sogar viel Geld. Der Gesamtschaden der Stadt wurde auf über 500 000 Gulden geschätzt, allein für die Restaurierung des Turmes der Ma­rienkirche wurden 50 000 Gulden veranschlagt.

Da es noch keine Feuerversicherung gab in der Stadt, war man auf städtische Gel­der, die vor allem durch eingenommene Spenden hereinkamen, angewiesen. Im Oktober wurde eine Kommission gebildet, die eine Geldsammlungen organisieren sollte, denn es bestand die Gefahr, das viele Privatpersonen von Stadt zu Stadt reisten, um Spenden zu erbitten, und das dann eine großangelebte Spendenaktion verpuffte.

Verschiedene bildliche Darstellungen der brennenden Stadt wurden in Auftrag gege­ben. Der berühmteste Kupferstich wurde von dem Augsburger Gabriel Bodenehr (um 1727) gefertigt. Mit den zum Teil emotionalen Szenen wollte man die Betrachter rüh­ren und zu größeren Spenden veranlassen.

Ein Bericht über die schrecklichen Ereignisse wurde gedruckt und ein Plan mit den vernichteten Straßenzügen, der sogenannten Bettelplan (auch von Gabriel Bodenehr gefertigt), ausgearbeitet.

Es wurden vom Rat der Stadt Reutlingen Bittschreiben um Spenden an andere Städte verschickt. Das war eine übliche Vorgehensweise, weil eben auch andere Städte von ähnlichen Katastrophen heimgesucht wurden und diese dann ebenfalls auf Spenden angewiesen waren. Ehrenvolle Bürger der Stadt wurden auf Spenden­reisen geschickt, um die Gelder einzusammeln. Sie erhielten Empfehlungsschreiben, welche sie unterstützen sollten und auch gleichzeitig die Glaubwürdigkeit bestätigten. Gayler schreibt dazu 1845 in seinen stadtgeschichtlichen Berichten: „Was die Kol­lekten betrifft, so sagt die Tradition, dass von Dänemark bis in die Schweiz, und von Ungarn bis an den Rhein kollektiert und reichlich gespendet wurde.“

Es war aber für die Sammler oft sehr schwer, sie stießen nicht selten auf Ablehnung, Türen blieben verschlossen, Geldbeutel leer. Oft kamen die Spendensammler völlig entkräftet nach ihren Reisen wieder in Reutlingen an, denn um nicht so viel Geld von den Spenden für ihr eigenen Unterhalt auszugeben, mussten sie sich oft mit einfa­chen Übernachtungen und Verköstigungen begnügen. Manchmal mussten sie Tage lang warten, um überhaupt vorgelassen zu werden.

Es gab aber auch großzügige Ausnahmen. So spenden zwei Männer aus Augsburg und Nürnberg den gesamten Neubau der Lateinschule, der schon 1728 fertig war (heute Naturkundemuseum). Die Gedenktafeln sind noch heute über dem Eingang zu sehen.

Fest steht, dass es über die Verteilung der Spendengelder große Streitigkeiten gab. Die Stadtverwaltung hatte sich eben vor allem den Zorn der Bürgerschaft dadurch zugezogen, dass mit den Spenden offene Schulden und Forderungen der Gläubiger beglichen wurden (die zum Teil noch aus dem Dreißigjährigem Krieg stammten) und kaum Geld zum Wiederaufbau der Stadt zur Verfügung gestellt wurde. Viele vormals wohlhabende Reutlinger wurden dadurch in Armut gestürzt. Hermann Kurz schrieb dazu in seinen Erzählungen aus der Reichstadt den treffenden Satz: „Ein allgemei­nes Unglück ist wie eine Kriegszeit, in welcher der Stärkere und Schlechtere oft die Oberhand behält“.

Und wie baute man die Stadt nun wieder auf?

Viele Häuser waren bis auf die Grundmauer komplett verbrannt, einige aber hatten noch Mauern und Böden, waren nun aber stark einsturzgefährdet. Meistens baute man auf den steinernen Grundmauern die Häuser in traditioneller Fachwerkbauweise genauso wieder auf, wie sie vorher waren. Man hielt sich aber nicht immer an die vorherigen Maße und so passierte es wohl öfter, das die Kellergewölbe nicht mit dem darüber aufgebauten Haus übereinstimmten und zum Teil zum Nachbarhaus gehör­ten. Es gab keinen einheitlichen Bebauungsplan, da es an Geld, Leihgebern und Baumaterial mangelte. Städte wie Ulm schickten moderne Vorschläge, aber die Be­völkerung hatte inzwischen wenig Vertrauen in die Stadtregierung und baute auf ei­gene Faust auf. Der Stadtrat gab dann letztlich für den Neubau die lapidare Anwei­sung heraus, nur darauf zu achten, dass dem Nachbarn kein Schaden entstand. Ei­nige Hauptstrassen wurden allerdings ein wenig erweitert, soweit es die Keller­grundmauern zuließen.

Jeder versuchte, sein Eigentum einfach und schnell wieder herzustellen. Das ist auch ein Grund dafür, das es in Reutlingen weniger repräsentative steinerne Bürgerhäuser gibt (wie befinden uns immerhin im Zeitalter des Barock!) und das bei den danach gebauten Häusern oft keine sehr gute Bausubstanz vorhanden ist, da es wenig gutes Baumaterial gab und man auf geringe Kosten achteten musste.

Der Grund, weshalb das alte Rathaus nicht mehr aufgebaut wurde, war leider auch Geldmangel. Erst durch den restlichen Abbruch 1810 entstand der großzügige Marktplatz. Heute ist auf dem Marktplatz in roten Steine der Grundriss des alten Re­naissancerathauses im Boden eingelegt, s.d. man heute noch eine Vorstellung von den Ausmaßen und den großen Arkadenumgängen bekommen kann.

Jahrzehntelang hat die Stadt gebraucht, die Narben des Stadtbrandes zu heilen. Jahrzehntelang waren die Stadt und ihre Bürger zu äußerster Sparsamkeit angehal­ten. Auch das, neben dem Pietismus, war sicher prägend für die weiteren Generatio­nen.

Die freie Reichstadt Reutlingen hatte durch die hohe Schuldenlast und den daraus resultierenden langjährigen Abhängigkeiten ein großes Stück ihrer Souveränität ein­gebußt und war schon vor dem Ende der Reichsstadtzeit 1803 nie wieder so selbst­bestimmt wie vor dem Stadtbrand.

War Reutlingen mit seinem Stadtbrand eine Ausnahme oder gab es in anderen Städten auch ähnliche Stadtbrände:

Viele Städte führen einen Großen Stadtbrand in ihrer Stadtgeschichte auf. Damit ist dann meistens der größte unter einer Vielzahl von stattgefundenen Stadtbränden gemeint.

Auch wenn die Ursachen sicher sehr verschieden waren, so gab es eben häufig in den Städten Brände, zum Teil auch mehrere, wie wir auch in Reutlingen sehen kön­nen: 1502, 1593, 1695 und 1705 und auch 1713.

Ehemalige Reichsstädte wir Aalen, Göppingen, Esslingen, Lindau oder Schwäbisch Hall (um nur einige zu nennen) hatte alle im 17. oder 18. Jahrhundert ihren großen Stadtbrand. Nicht immer waren die Ausmaße so verheerend wir in Reutlingen, aber oft nutzte man die Möglichkeit, Korrekturen an der Stadt, Erweiterungen, Modernisie­rungen vorzunehmen. Im Barock ging man nach größeren Bränden dazu über, große Straßen anzulegen oder wie in Esslingen prächtige Bürgerhäuser in Stadtzentrum zu bauen, was vorher nicht möglich gewesen war. Schwäbisch Hall hat heute noch aus der Zeit nach dem Stadtbrand von 1728 seine barocke Prägung.

Bis heute hat sich Reutlingen immer wieder verändert, teils durch den Zweiten Welt­krieg, teils durch spätere Modernisierungsmaßnahmen. Es existieren aber immer noch Teile der sehr alten Bausubstanz, die vom Großen Stadtbrand verschont wurde. Unsere Aufgabe muss es daher sein, diese Gebäude für die zukünftigen Ge­nerationen denkmalgerecht zu erhalten und die Stadt vor ähnlichen Katastrophen zu schützen.

Anke Bächtiger M.A.

Literaturhinweise und Quellen:

Brastberger, Immanuel Gottlob: Christliche Gedächtnispredigt der am 12. Dez. 1750 in der Fürstl. Würtemberg. Amts-Stadt Nürtingen entstandenen gewaltigen Feuers-Brunst... Stuttgart o.J. (Nachdruck)

Fischer, Michael. Der Brand von Reutlingen 1726 und seine Folgen nebst Klage, Ach und Wehe an das seinen Schöpfer vergessene und darum mit Feuer hart gestrafte Reutlingen Buß-, Bet- und Fasttagspredigt gehalten. Reutlingen 1901 (Nachdruck)

Fetzer, Johann: Rückblick auf das große Brandunglück durch welches die Stadt Reutlingen im September des Jahres 1726 in Schutt und Asche gelegt worden . Reutlingen 1998, Reprint von 1826

Denkwürdigkeiten der ehemaligen freien Reichsstadt Reutlingen. Reutlingen 1845, Stadtbrand Seite 286-316

Keim, Karl: Nachrichten über den großen Brand von 1726. In: Reutlinger Geschichts­blätter, Jg. 1933/34, Nr. 40/41

Kurz, Hermann: Aus einer alten Reichsstadt. Tübingen 1963. Kapitel: Eine Reich­städtische Glockengiesserfamilie.

Leucht, Alfred: Dreimal wütete das Feuer. Ein Report über die grossen Tübinger Brände im 18. Jahrhundert. Tübingen 1974

Schwarz, Paul: Der große Reutlinger Stadtbrand im September 1726. in: Reutlinger Geschichtsblätter, Jg. 1976, Nr.14, S.7-42

Stübler, Eberhard: Der große Brand von Reutlingen 1726. Reutlingen

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